Donnerstag, 21. Mai 2015

Itchy Poopzkid im Interview


"Six" als Album-Titel für das sechste Album? Einen Kreativitäts-Preis gewinnen Itchy Poopzkid damit sicher nicht. Müssen sie aber auch nicht, wenn die Platte einmal mehr zeigt, dass es hierzulande kaum ähnlich gute englischsprachige Punkrock-Bands gibt. Zeit also, die Herren mal wieder zum Gespräch zu bitten - inklusive dem obligatorischen Ausflug in die Fussball-Bundesliga.

Zuerst die Frage, die ich stellen muss - habt Ihr noch Hoffnung, dass der VFB auch dieses Jahr noch den Abstieg vermeiden kann?

Jetzt hab ich mich grade echt auf das Interview gefreut, weil ich dabei mal ein paar Minuten nicht an Fußball denken muss und dann so ne Frage. Aber na gut: Als VfB-Fan ist man es ja  gewohnt mit innerlichen Schmerzen umzugehen und dieses Jahr ist tatsächlich noch schlimmer als es die letzten Jahre über war, was ja schon mal bemerkenswert ist. Auf der anderen Seite ist es am Ende so einer Katastrophensaison umso emotionaler, wenn dann tatsächlich auch mal wieder ein Spiel gewonnen wird und der 18. der Tabelle sich Hoffnungen machen darf, sich eventuell doch noch in letzter Sekunde zu retten. Den Torjubel über das 2:0 gegen Mainz letzte Woche werde ich so schnell jedenfalls nicht mehr vergessen. Um Deine Frage final zu beantworten: Ich bin mir ganz sicher, dass wir es noch schaffen.


Wie schlimm wäre ein Abstieg in die 2. Liga? Und hätte Armin Veh bleiben sollen?

Der Abstieg wäre die letzte Vollgasscheiße. Kein Mensch will Montag Abends ins Stadion gehen und sich dort ein 0:0 gegen den SV Sandhausen anschauen. Im Ernst, das würde mir echt das Herz brechen. Armin Veh halte ich nach wie vor für einen Spitzentyp, auch wenn sein Abschied für mich sehr verwunderlich gewirkt hat. Das hatte sowas von Resignation und Aufgeben und das finde ich immer unromantisch.

Lasst uns über Erfreulicheres reden, Eure neue Platte zum Beispiel. Zufrieden mit den Reaktionen, die es für "SIX" bisher gab?





Bevor die Platte erscheint, hole ich mir immer bei ein paar Leuten, deren Meinung mir am Herzen liegt, Feedback ab und wenn das positiv ausfällt, bin ich schon mal ziemlich erleichtert. Da gab es diesmal deutlich erhobene Daumen und auch sonst scheint das Album super anzukommen. Wir waren ja grade schon auf kleiner Tour und die neuen Songs wurden – obwohl die Platte erst ein paar Tage draußen war- extrem abgefeiert. Das ist dann natürlich ein wirklich gutes Gefühl, weil man so viele Monate Arbeit reingesteckt hat. Außerdem haben wir tatsächlich Platz 5 der Albumcharts erreicht, was zum einen krass erfreulich, zum anderen aber auch ziemlich lustig ist, wenn man bedenkt, dass wir das mit unserem eigenen kleinen Gurken-Label geschafft haben und unser Bandname da zwischen Grönemeyer und Andrea Berg steht...



Irgendwie bin ich vom Namen der Scheibe ja etwas enttäuscht. Hattet Ihr Probleme einen Titel zu finden oder gibt es noch eine tiefere Bedeutung von "Six"?

Ertappt! Namen zu finden fällt uns echt immer schwer. Das Album heißt so, weil es unser sechstes Album ist. Eine tiefere Aussage konnte ich leider bisher darin nicht finden. Wir hatten zwar auch viele bedeutungsschwangere Titel zur Auswahl, aber dann hätten alle wieder tagelang über den Albumnamen philosophiert. Bei den letzten Platten ging uns das so auf den Senkel, dass wir es diesmal simpel halten wollen. So liegt der Fokus einfach auf der Musik und fertig.


Gleich weiter mit dem Gemecker: Mit "She's Gonna Get It" steht der wohl ungewöhnlichste Song der Scheibe gleich am Anfang. Wolltet Ihr erst mal ein bisschen Verwirrung stiften?


Bei uns hat sich mit dem neuen Album sehr viel geändert. Wir haben zum ersten Mal seit fünf Alben mit einem neuen Produzenten zusammengearbeitet, waren in Berlin im Studio und auch der ganze Liederschreibprozess lief etwas anders ab als bisher. Wir mussten einfach mal ein paar eingefahrene Strukturen einreißen und frischen Wind reinbringen. Das ist sicher auch ein Grund warum Songs wie „She´s gonna get it“ etwas anderes klingen. Auch ein Lied wie „Darkness“ hätten wir vor ein paar Jahren so noch nicht zustande gebracht. Im Großen und Ganzen finde ich aber, dass das alles immer noch sehr nach uns klingt und den von Dir angesprochenen Song fanden wir einfach passend als Opener für die Platte.


Danach folgen ja viele Hits - und "Six" macht auf mich einen sehr ausgewogenen Eindruck. Wut und gute Laune, düstere Gedanken und positive Energie halten sich sehr gut die Wage. Spiegelt das aktuell auch eure eigene Stimmung wieder?

Ich glaube, dass wir drei generell ziemlich positive Menschen sind und großen Spaß am Leben haben. Das heißt aber nicht, dass uns nicht ab und an auch miese Dinge passieren oder uns das zum Teil extrem erdrückende Weltgeschehen kalt lässt. „Dancing in the sun“ zum Beispiel ist ein sehr kritischer Song geworden, der einem -vor allem zusammen mit dem Video- echt in die Magengrube haut und zum Nachdenken anregt. Die vielen persönlichen Geschichten, die es auf dem Album gibt bedeuten nicht automatisch, dass es uns im Moment des Schreibens auch genau so ging wie im Lied beschrieben. Oft kramen wir beim Texten auch alte Gefühlszustände raus und schreiben über Dinge, die eigentlich längst vorbei sind. Trotzdem sind sie ein Teil von uns und es Wert darüber zu singen.  

In eurer Bio zur neuen Scheibe geht es auch viel ums Thema "auf deutsch singen", was ja gerade wieder viele machen. Für Euch ja kein Thema - aber gibt es wirklich so viele Leute, die auf Euch zukommen und von Euch mal was deutschsprachiges hören wollen? Und wenn ja, könnt Ihr Euch erklären woher das kommt?

Das liegt einfach daran, dass es derzeit mit deutschsprachiger Musik viel einfacher ist erfolgreich zu sein, die Frage kam auch nur aus Musik-Business-Kreisen. Außer den Beatsteaks fällt mir aktuell spontan keine erfolgreiche Englisch-singende Rockband aus Deutschland ein. Trotzdem sehen wir das für uns einfach nicht. Wir fühlen uns nach wie vor wohl mit englischen Texten und haben auch noch längst nicht das Gefühl am Ende aller Worte angekommen zu sein. Ausschließen, dass wir auch mal was auf Deutsch probieren würde ich aber nicht. Wobei wir das als Schwaben aber ja eh nicht akzentfrei singen könnten...


Ihr habt ja jetzt auch Euer erstes Buch veröffentlicht. Ich hab es leider noch nicht in Händen halten können, aber erzählt doch mal - wie kamt Ihr auf die Idee dazu, und wie zufrieden seit Ihr mit Eurem ersten gedruckten Werk?

Genau. „How to survive as a rock band - Der Ultimative Ratgeber einer trendresistenten Non-Hit-Wonder Band“ ist der Titel. Wir werden immer von vielen jungen Bands angesprochen und nach Tipps gefragt, wie man es schafft Konzerte an Land zu ziehen, wie man sich anfangs finanziell über Wasser halten kann und so weiter. Da dachten wir, dass so ein Ratgeber vielleicht nicht das Schlechteste wäre. Immerhin haben wir in 14 Jahren Bandgeschichte so ziemlich alles erlebt, was man als Band so durchmachen kann: Konzerte vor 8 Zuschauern und Konzerte vor 80 000. Pennen auf versifften Jugendhausbühnen und in 5 Sterne Luxushotels. Endlose Diskussionen mit Plattenfirmen, Polizeiprobleme, Proberaumrausschmisse und Charterfolge. Gemischt haben wir den Ratgeber mit zahlreichen amüsanten Ausschnitten aus über 800 -ebenfalls von uns geschriebenen- Konzertberichten. Es ist ein Buch für alle die einfach mal einen Blick hinter die Kulissen einer Band werfen wollen und dieser Eindruck ist berauschend, ernüchternd, ekstatisch und verstörend zugleich. Die Erstauflage des Buches ist schon komplett ausverkauft. Es wird dieses Jahr aber nochmal neu aufgelegt und ist dann auch im Buchhandel bestellbar.


Ihr seid ja dann im Herbst wieder kontinuierlich auf Tour, und erneut wird man fast überall ausverkaufte Hallen vermelden können. So grandios das ist - hat man im Hinterkopf auch manchmal die Angst, wie es sich anfühlt wenn es eines Tages mal nicht mehr so gut laufen würde?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir nie Gedanken drüber machen würde was ich ohne die Band tun sollte. Irgendwie ist das aber auch total müßig darüber nachzudenken und das Fazit ist dann immer: Ach, fuck off! Ich meine, wir haben das unfassbare Glück unser Hobby zum Beruf gemacht zu haben und seit 14 Jahren das zu tun was uns am glücklichsten macht. Solange das alles so funktioniert sollte man es einfach genießen und weiter Gas geben. Wenn es irgendwann nicht mehr laufen sollte, werde ich eben Platzwart beim VfB Stuttgart oder mache irgendwas mit Bier.


Zuletzt noch eure drei aktuellen Lieblingsplatten aus dem Tourbus? Alternativ auch gerne Eure liebsten TV-Serien, mit denen Ihr Euch die Zeit vertreibt....



Ich glaube ich bin der letzte verbliebene Mensch auf diesem Planeten, der keine Serien guckt deshalb hier drei aktuelle Platten: 1) Antilopen Gang – Aversion. Das beste Punkalbum des Jahres und das obwohl es Hip Hop ist. 2) Masked Intruder – M.I., weil Frühling ist und es derzeit keine Band gibt die mehr gute Laune versprüht. 3) Wasted – Here comes the Darkness
Old school Punkrock, der trotzdem irgendwie modern klingt und kickt wie Hölle!


Sonst noch was?


Nein, nix. Aber danke für das Interview!

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